Rezension
Caveland on Cyberstage
"Caveland on Cyberstage" ist eine Doppel-CD, bestehend aus einer Multimedia- und einer Audio-CD. Die Multimedia-CD enthält einige Quicktime-Movies und allgemeine Informationen über die Cyberstage. Die Audio-CD enthält sechs Kompositionen von Gerke, die als aktustischer Gegenpart zu den "virtuellen Impressionen" der Cyberstage konzipiert wurden.
Geht man von Track 1 der Audio-CD, dem Titelsong "Caveland", aus, so wird man die vorliegenden sechs Instrumentals sicherlich nicht unbedingt mit dem Label "Elektronische Musik" etikettieren. "Caveland" ist ein sehr schöner, swingender Instrumentaltitel, getragen von einem akustischen Gitarrenthema, das durch Klarinettentöne zunächst unterstützt, später variiert wird. Und tatsächlich hat sich Gerke für diesen Titel insgesamt sogar drei Akustikmusiker mit an Bord geholt: neben den bereits erwähnten, dominierenden Stimmen von Gitarre und Klarinette sorgt zusätzlich ein Livebass für den notwendigen Groove. Bemerkenswert auch die Programmierung der Drums in diesem Track: extrem realistisch.
Einige gezielt eingesetzte Elektrosounds (Vox-, Glocken- und diverse Flächensounds) liefern den letzten Pepp.
Gut, da denkt man also, dieser Herr Gerke hätte mit EM nicht allzu viel am Hut. Weit gefehlt! Bereits Track 2 ("Antarktika") belehrt uns eines Besseren. Ein ruhige-bombastisches Elektroik-Epos, das in großen Teilen von breiten Synthysounds lebt. Allerdings auch hier wieder die Kombination von Akustik und Elektronik. Perfekt bettet Gerke akustische Flöte und Oboe ein in gewaltige Synthyflächen und Elektrosequenzen. Eine gelungene Symbiose!
Auch die weiteren Tracks können das nun gewonnene Bild zusätzlich unterstreichen: "Caveland on Cyberstage" ist wirklich sehr hörenswerte EM! Seien es die tanzbaren Titel "Fireland" und "v.m.s.d." oder das geheimnisvoll-romantische "Watercave", in dem sich herrliche Pianopassagen mit ebenso stimmungsvollen Vox-Melodielinien abwechseln - Gerke setzt sowohl das eine als auch das andere perfekt um.
Den absoluten Höhepunkt dieses Albums aber bildet für mich das 9-minütige "Raumschiff Erde". In einer tiefen Flächen-Athmo wird eine wunderschöne Saxophon-Melodie plaziert und mit verschiedenen spacigen Klangelementen garniert. Für ich ohnehin eine der genialsten Kombinationen überhaupt: EM und akustisches Saxophon! Herrlich!
Doch damit nicht genug: im zweiten Teil des Titels überraschen zusätzlich brilliante Synthysequenzen, die den Vergleich mit Schulzes "Are You Sequenced?" durchaus nicht zu scheuen brauchen. Das Epos steigert sich zusehends, wird nach und nach um perkussive Elemente und Lead-Synthylinien ergänzt und zeigt somit in perfekter Vollendung auf, was man landläufig unter dem Begriff "Spannungsbogen" versteht. "Raumschiff Erde" ist ein absolutes EM-Glanzstück, das Gerkes Gesamtwerk auch das letzte i-Tüpfelchen aufsetzt. Bravo!
Bei all dem Lob zu guter Letzt aber doch noch einen Tadel an die Adresse des Künstlers: "Warum?!" Warum, Herr Gerke, liefern Sie und von alldem nur eine knappe halbe Stunde?? - Wir wollen mehr davon!
P.S.: "Mehr davon" gab's übrigens dann bereits auf der CeBIT '98 im März in Hannover. Dort wurde auf dem Stand von Silicon Graphics wieder ein beeindruckendes Cyberstage-Spektakel mit Musik von Martin Gerke geboten. Bleibt zu hoffen, daß auch dieses Event irgendwann auf CD erscheint ...